GPS-Tracking eines Festivalbesuches

Normalerweise mag ich Musikfestivals nicht. Die Bühnen sind riesig, die Menschenmenge groß, die Wege weit. Allerdings hält mich das nicht davon ab, das ein oder andere Festival zu besuchen. Wie zum Beispiel das Primavera Sound Festival in Barcelona, dessen Besuch bei mir seit vier Jahren zum frühjährlichen Pflichtprogramm gehört.
Das Primavera Sound findet am Stadtrand von Barcelona auf dem Gelände des Parc del Forum statt, einem ehemaligen Messe- und Ausstellungsgelände direkt am Mittelmeer im östlichen Teil der katalanischen Stadt. Auf insgesamt acht Bühnen spielen dort an drei Tagen eine Vielzahl von Bands.
Um möglichst viel mitzubekommen und zu sehen bedarf es guter Füße und ausdauernder Kondition. Aber wie viele Stunden verbringe ich eigentlich auf einem Festival dieser Größenordnung und die noch spannendere Frage, wie viele Meter mache ich eigentlich an einem solchen Festivaltag?
Fragen, die ich mir immer mal wieder gestellt habe, und die ich mir in diesem Jahr beantworten musste. Mit Hilfe eines alten Mobiltelefons mit integriertem GPS Modul und einer Geotracker Software wollte ich ein Bewegungsprofil von mir skizzieren. Die Absicht war es, die Aufzeichnung mit betreten des Festivalgeländes zu starten und beim Verlassen zu beenden.
Die gesammelten Geodaten wollte ich dann später auswerten, um so endlich meine Frage nach den zurückgelegten Festivalkilometern beantwortet zu bekommen.
Als „GPS Gerät“ nutzte ich dafür das Android Mobiltelefon HTC V, ein älteres Modell, welches über ein GPS Modul verfügt. Die Ortung sollte nur darüber erfolgen, eine SIM Karte (zur unterstützenden Funkmastortung) steckte zum Zeitpunkt der Aufnahmen nicht in dem Gerät.
Als Aufzeichnungssoftware verwendete ich die freie Software AndroiTS GPSGPS. Die Software bietet eine Vielzahl von Funktionen, die sich sicher nicht von anderen Softwaren unterscheiden. Einzig genutzt habe ich die Tracking-Funktion, über die ich meine Wegepunkte aufgezeichnet habe.
Als angenehm empfand ich den relativ schnell vollzogenen Satellitenfix der Software, der an jedem der drei Tage problemlos funktionierte. Wurde das Mobiltelefon geortet, startete ich die Aufzeichnung und ließ das Gerät in der Umhängetasche verschwinden. Von Zeit zu Zeit kontrollierte ich die Aufnahme, eine Fehlfunktion habe ich dabei nicht festgestellt.
Als einziges Manko stellte sich die Akkulaufzeit des Mobiltelefons heraus. Nach guten 7 Stunden Aufzeichnung war der Akku leer, so dass es nicht alle Schritte und Strecken aufgezeichnet wurden.
Hinzu kam, dass ich natürlich an zwei der drei Tage beim Eingang auf das Festivalgelände vergessen hatte, den Tracker einzuschalten. So bietet nur der erste Festivaltag (30.05.2014) einen vollständigen Rundumschlag, denn an diesem Tag hielt auch der Akku nahezu komplett durch. Einzig der Weg von der Ray-Ban Bühne zum Ausgang wurde nicht mehr aufgezeichnet.

Vollkommen offline funktioniert der Zugriff auf die Tracks über den Ordner “GPSLogger” auf dem Telefonspeicher. Sollen die Daten weitergeleitet werden, bietet GPSLogger ein großes Angebot an Export Möglichkeiten. Ich verwendete zur Weiterverarbeitung in einem GIS den Export in das kml- Format. Die ursprünglich von Google aus xml abgeleitete Auszeichnungssprache ist mittlerweile ein Geodaten state-of-the-art Austauschformat. Viele Programme außerhalb der Google-Welt besitzen Importschnittstellen und ermöglichen das einfache Einlesen dieser ASCII Datensätze.
Die Datensätze der AndroiTS GPS Software können problemlos in ArcGIS eingeladen werden. Über die Konvertierungsfunktion kml_to_layer werden die kml- Dateien in ESRI Geodatabasen überführt und sogenannte lyr- Dateien angelegt. Diese können dann wiederum in das ESRI Datenformat und „GIS-Universaldatenformat“ shp gewandelt werden.
Visualisiert habe ich die Daten unter ArcGIS Online. In diesem Onlineportal für Geodaten stehen eine Vielzahl von Hintergrundkarten zur Darstellung und alle notwendigen Tools zur Onlinekartenherstellung bereit. Um mir einen schnellen Überblick zu verschaffen habe ich die shp- Dateien der drei Bewegungsmuster (je eine pro Tag) importiert, mit einer Hintergrundkarte versehen und die einzelnen Bühnen grob skizziert. Für meine Zwecke sind die Möglichkeiten von ArcGIS Online hier vollkommen ausreichend, obwohl das Hinzufügen der einzelnen Kartenobjekte (also die Bühnen und der Beschriftungstext) bietet nicht viele Variationsmöglichkeiten bietet.
Das Ergebnis sieht man unter dem folgenden Link. Ein Fazit kann ich nach dieser Auswertung ruhigen Gewissens ziehen: ich laufe sehr viel!

Ach ja, wer mit dem Begriff Primavera Sound Festival nichts oder nicht viel anfangen kann, hier steht etwas zu diesem sicherlich wichtigsten und bedeutendsten Indiefestivals Europas im Stadtrand von Barcelona. (Über die in diesem Artikel erwähnten Bands und deren Konzerte wird dort auch näher berichtet.)

Die Auswertung:
30.05.2014 – Gelaufene Distanz: 5413 m.

donnerstag
Primavera Festival – Donnerstag, 30.05.2014

Einige interessante Stationen:

Startpunkt Punkt 1 – Beim Gang zur Heineken Stage (t1p1)
Startpunkt Punkt 1: Beim Gang zur Heineken Stage
t1p2
Punkt 2: Wirrwarr bei der Girl Band vor der Vice Bühne
t1p3
Punkt 3 und 4: Warpaint und Real Estate auf der Heineken Bühne
Punkt 3 und 4: Warpaint und Real Estate (t1p3)
Punkt 5: Bocadillo Stand am Foodcourt

Im Anschluss fehlen noch die Ausflüge zur Sony Stage (Arcade Fire) und zur Ray-Ban Bühne (Metronomy). Für die Aufzeichnung dieser beiden letzten Konzerte des Tages bzw. der Nacht reichte die Akkuleistung nicht mehr aus.


31.05.2014 – Gelaufene Distanz: 2776 m.

freitag
Primavera Festival – Freitag, 31.05.2014

Einige interessante Stationen:

t2p1
Punkt 1 und 2: Start- und Endpunkt (rote Tageslinie)
t2p2
Punkt 3: Getränke- und Orientierungspause an der Ray-Ban Bühne

Getränke- und Orientierungspause auf den Treppenstufen der Ray-Ban Bühne nach der Slowdive Stippvisite (Punkt 4) und der Julie Ruin Absage auf der Ray-Ban Bühne.

Slowdive Stippvisite
Punkt 4: Slowdive Stippvisite
t2p4
Punkt 5: Hin und her am Treppenrand während des Darkside Konzertes auf der Ray-Ban Bühne

01.06.2014 – Gelaufene Distanz: 5524 m.

samstag
Primavera Festival – Samstag, 01.06.2014

Einige interessante Stationen:

t3p1
Punkt 1 und 2: Rund um die Sony Bühne

Rund um die Sony Bühne, erst ein bisschen Television am frühen Abend (südlicher Standort), dann Irrungen und Wirrungen bei Nine Inch Nails inklusive Getränkekauf.

t3p3
Punkt 3: Distanziertes Betrachten des Konzertes von Goodspeedyou!black emporer auf der ATP Bühne
t3p2
Punkt 4: Die Foals auf der Heineken Bühne und Ausgang

Georeferenzieren des Festivalplans mit ArcGIS
Es geht tatsächlich und es sieht relativ richtig und ansehnlich aus.
Nachdem ich über GPS meine Festivalbewegungen getrackt hatte, wollte ich diese natürlich in den räumlichen Kontext des Geländes stellen. Hierfür benötigte ich jedoch Hintergrunddaten mit Informationen über Bühnenstandorte, Infrastruktur und wenn möglich des Wegenetzes.
Die kostenlose Netzdienste Google, OSM und Bing brachten wenig Information und konnten als Datenquelle nicht genutzt werden. Das Gelände des Parc del Forums ist – zugegebenermaßen erwartungsgemäß – wenig kartiert und die in Google Maps / Earth und Bing hinterlegten Satellitenbildddaten wurden nicht zur Festivalzeit aufgenommen.

geo_karte
Übersichtsplan des Primavera Sound Festivals

Blieb eigentlich nur noch der Übersichtsplan der Veranstalter, der, in Form eines Faltblättchens und entsprechend stark generalisiert, Auskunft über das Gelände gab.
Ist es möglich, diesen Plan sauber zu georeferenzieren, zu entzerren, so dass er zum einen lesbar und zum anderen plausibel bleibt?
Unter ArcGIS versuche ich mein Glück. Als georeferenzierte Basisinformationen (Referenz) verwende ich die GPS Tracks (aus denen konnte ich Bühnenstandorte grob ableiten) und OSM Daten, die ich als Basiskarte hinterlege.

geo_menue
Georeferenzierung unter ArcGIS

Über die Georeferenzierung Funktionalität von ArcGIS digitalisierte ich anschließend 20 Passpunkte. Als markante und identische Punkte wählte ich die Bühnen und Gebäude, die sowohl auf dem Plan als auch in OSM abgebildet waren, wie zum Beispiel das Auditori, die Sonnendächer,… .

geo_pp
Passpunktübersicht für die Entzerrung

Als Transformationsmethode wählte ich die „Spline“ Berechnung. Die Spline-Transformation ist eine echte Rubbersheeting-Methode, mit der die lokale Genauigkeit optimiert wird, jedoch nicht die globale Genauigkeit.
Bei einem Spline werden die Quellpasspunkte genau in Zielpasspunkte transformiert. Die Messwerte werden nicht ausgeglichen. Für Pixel abseits der Passpunkte kann keine Genauigkeit gewährleistet werden. Diese Transformation ist hilfreich, wenn die Passpunkte wichtig sind und präzise registriert werden müssen. Durch das Hinzufügen weiterer Passpunkte kann die Gesamtgenauigkeit der Spline-Transformation erhöht werden. Für ein Spline werden mindestens zehn Passpunkte benötigt.

geo_spline
Die Spline Transformation im ArcGIS

Ist das Menü Georeferenzierung geöffnet, kann das zu entzerrende Bild geöffnet / aktiviert werden, indem es im Drop-down Menü ausgewählt wird. Wird es anschließend nicht im ArcGIS data view angezeigt, reicht ein „Fit to display“ im Georeferencing-Leiste.

geo_menue2
Passpunktmessung

Nun beginnt man mit der Punktmessung. Die Reihenfolge ist wie folgt: erst ein Punkt im zu georeferenzierenden Raster anklicken, anschliessend den homologen Punkt im Referenzdatensatz (in diesem Fall OSM oder den GPS Track) auswählen. Nachdem einige Punkte gemessen wurden, kann sich das Ergebnis im Link Fenster (View link table) angeschaut werden.

geo_vlt
Aufrufen der Übersichtstabelle der Punktmessung

Bei der Spline Funktion werden keine Residuen und Fehlerwerte angezeigt, da die Passpunkte eins zu eins angehalten werden. Ob die Punktmessung okay ist, überprüft man in diesem Fall an der Referenzierung, die man über „update display“ ausführen kann.

geo_link
Das Ergebnis der Passpunktmessung

Das Resulat der Messung auf den Übersichtsplan angewendet ergibt folgendes Bild:

geo1
Der georeferenzierte Übersichtsplan

Der Übersichtsplan „passt“ sich dem tatsächlichen Gelände an. Die Generalisierungen und die kartografisch vereinfachte Abbildung des Geländes sind herausgerechnet worden. Trotzdem bleibt der Plan weitestgehend übersichtlich und lesbar. Es wurden 20 Passpunkte gemessen, diese Anzahl ist ausreichend, um die GPS-Tracks und den Übersichtsplan miteinander zu verbinden und in eine sinnvolle Beziehung zu setzen.

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